ZUM GELEIT
Da Kurdisch innerhalb der indogermanischen Sprachen zur iranischen Gruppe zählt und andererseits der Großteil dieser Nation, die heute sicher deutlich mehr als 30 Millionen Seelen zählt, in Ostanatolien, Südkaukasien und im West-Iran leben, sind die Ergebnisse kurdologischer Forschung für so manche Wissenschaftszweige von Bedeutung. Leider ist jedoch die systematische Kurdologie vom internationalen Standard vergleich-barer Disziplinen noch deutlich entfernt, sowohl auf sprachwissen-schaftlich-philologischem und literaturwissenschaftlichem Gebiet als auch auf historisch-kulturwissenschaftlichem. Das ist nicht zuletzt darauf zurückzu führen, dass die verschiedenen kurdischen Völkerschaften bzw. Stämme eher Objekt als Subjekt der Geschichte waren, obwohl bekanntlich einige kurdische Persön-lichkeiten oder auch Familienverbände sehr kraftvoll agierten und an die Spitze mächtiger Staaten treten konnten. Selbst heute ist dieser Nation ein eigener Staat verwehrt, in den einzelnen Staaten, auf die Kurdistan aufgeteilt ist, bilden die Kurden jeweils nur Minderheiten – der Zahl und den Rechten nach.

Selbst ein überdurchschnittlich gebildeter westlicher Leser wird bei Fragen über die kurdische Literatur wenig Antworten wissen, obwohl so manches bereits auch in Übersetzungen vorliegt. Dazu ist festzuhalten, dass von der nicht zu unterschätzenden literari-schen Tradition der Kurden zwar vieles schon herausgegeben wurde, aber ungeahnte Schätze noch zu heben sind - sei es dass sie in Handschriften „schlummern“, sei es dass sie bislang nur oral weitergegeben wurden, was gerade in der heutigen Zeit eine enorme Gefahr birgt, zumal da die Träger dieser  Tradition oft schon sehr alt sind und keine entsprechenden Nachfolger finden; demge-mäß ist es wichtig, ihr Wissen zumindest mit den Hilfsmit-teln moderner Technik zu „konservieren“ und in weiterer Folge für wissenschaftliche Editionen zu nützen.

Als ich mich im Rahmen meiner Kaukasus-Studien an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien entschloss, auch kurdologische Projekte zu initiieren, stand nicht zuletzt die Sichtung und systematische Bearbeitung der erreichbaren kurdischen Handschriften in öffentlichen und privaten Sammlungen im Vordergrund. Dafür konnte einer der bedeutendsten Kurdologen Europas gewonnen werden, Prof. Dr. Jalile Jalil, der früher an der Armenischen Akademie der Wissen-schaften gearbeitet hatte.

Mit Unterstützung des Fonds zur Förderung der wissenschaftli-chen Forschung (Projekte P09895-SPR und P11330-SPR), der jeweils für die Forschung zuständigen Bundesministerien der Republik Österreich, des Magistrats der Stadt Wien und schließlich (seit seiner Gründung im März 1999) des Vereins zur Erforschung und Förderung der kurdischen Sprache, Kultur und Geschichte hat Prof. Jalile einen umfangreichen Handschriftenkatalog erarbeitet, der bald in Druck gehen sollte.

Im Zuge dieser Recherchen wurden zahlreiche für die Kurdologie neue Gedichte der kurdischen klassischen Literatur entdeckt, wovon 86 in vorliegendem Sammelband publiziert werden.

Das Buch, Ke?kûla kurmancî, „Sammlung kurdischer Gedichte“, beginnt mit poetischen Werken berühmter kurdischer Klassiker, wie Ehmedê Xanî, Feqîyê Teyran, Melayê Bateyî, Sîyahpû? und anderen. Ehmedê Xanî (1650 - 1707)1 ist Autor des berühmten kurdischen Liebes-Poems Mem û Zîn, das für die Kurden ein Denkmal ihres Bewusstseins und ihrer Identität darstellt. Er verfasste auch das populäre Lehrbuch in Gedichtform (in Kurmancî), Nûbar („erste Frucht“), ein arabisch-kurdisches Wörterbuch für kurdische Kinder in Koranschulen (Medrese). Feqîyê Teyran (1590 - 1660) ist Autor vieler Gedichte philosophi- schen Inhalts, die der kurdischen Natur, der Flora und Fauna Kurdistans gewidmet sind. Sie gewannen derartige Popularität, dass sie auch mündlich von Generation zu Generation weiterge-geben wurden. Feqîyê Teyran schrieb das berühmte Poem Scheich aus San‘ana. Auch das epische Werk Dimdim wird ihm zugeschrieben. Melayê Bateyî (1675 - 1760) stammt aus Hakkari. Er verfasste zahlreiche Gedichte lyrischen und philosophischen Inhalts, wie auch das Poem Mewlûd über die Geburt des Propheten Mohammed, das bis heute in Medresen als Lehrtext verwendet wird. Muhammed Cewad, in der Literatur berühmt unter dem Pseudonym Sîyahpû?, ist Autor zahlreicher Liebes-Gazelen und des Poems Seyfulmuluk, das auf einem Märchen aus „Tausend und einer Nacht“ basiert.

Jalile hat in den vorliegenden Band einige Gedichte dieser berühmten kurdischen Autoren aufgenommen, die bereits publiziert wurden, aber hier in anderer Redaktion vorliegen. Die Unterschiede zwischen den schon veröffentlichten und den hier präsentierten Versionen werden in Fußnoten dargeboten, ebenso Vergleiche mit anderen Varianten aus bisher unberücksichtigten Handschriften.

Die Sammlung enthält 36 Namen kurdischer Autoren der klassischen Literatur, wovon 25 bis heute  Wissenschaftlern und Liebhabern der kurdischen Literatur unbekannt blieben, wie zum Beispiel Mirad E’lî, Mela Mehmedê Barzanî, E’bdil Hekîm, Mela Yehya, ?êx Ehmed Xelîfe, Mela Îbrahîm, Mehmûdê Bera?î, Muhemmad Xalid, Mela Yasîn, Mehmed Narincî, Esed, Nacî Cizîrî, Ebdil ?anî, Mela Yûsifê Bameyda u.a. Einen großen Teil dieser Kollektion bilden darüber hinaus anonyme Gedichte, deren Publikation dazu beitragen soll, zumindest in einigen Fällen die Autoren zu bestimmen.

Die Mehrheit dieser Dichter stammt aus der Zeit des beginnenden 20. Jahrhunderts. Dies bestätigt nochmals, dass die kurdische Literatur in dieser Epoche hoch entwickelt war und die literarischen Schulen von Culamêrg (Hekkarî), Muks, Cizîra Bota, Bahdînan und Serhad (nördlich des Van-Sees) viele begabte Schriftsteller hervorbrachten.

Das Interesse an der kurdischen Literatur und Geschichte hat in der österreichischen Wissenschaft reiche Tradition. Die Namen österreichischer Professoren wie H. A. Barb2, M. Hartmann3, M. Bittner4, E. Sachau5 u.a. haben einen festen Platz in der Kurdologie. Schon Ende des 19. Jahrhunderts überraschte Hartmann mit seiner Faksimile-Publikation der Gedichtsammlung des kurdischen Klassikers aus dem 16. Jahrhundert, Mela Cizîrî6. Das war jene Zeit, als in wissenschaftlichen und allgemeineren Publikationen häufig die Ansicht verbreitet wurde, dass es keine schriftliche Literatur der Kurden gäbe. Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts erwarben jedoch einige Bibliotheken in England, Russland, Frankreich und Deutschland kurdische Handschriften, und bis zum Ersten Weltkrieg hatte allein Berlins Preußische Bibliothek mehr als 50 kurdische Manuskripte in ihre Sammlung aufgenommen, überwiegend von den Orientalisten Oskar Mann und Sachau.

Die komplizierte politische Situation im Orient machte es dann länger unmöglich, die Erforschung des kurdischen Literatur-Erbes weiterzuführen und Handschriften zu sammeln. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erwachte jedoch neues Interesse an der kurdischen Literatur. Zu jener Zeit wurden im Irak kurdische Forschungszentren errichtet und kurdische Wissenschaftler begannen mit der Publikation zahlreicher Handschriften. Als Folge massiver Emigration kurdischer Intellektueller nach Europa setzte sich dieser Prozess auch in einigen europäischen Ländern, vor allem in Schweden, fort. Mit seiner Übersiedlung nach Wien gab Prof. Jalile Jalil der Entwicklung der Kurdologie in Österreich einen deutlichen Impuls. U.a. wurden zwei literarische Werke auf der Basis neu entdeckter Handschriften publiziert (das Liebespoem Seyfulmuluk von S?y?hp?š, eine editio princeps, und das sufistische Poem Scheich aus San‘ana in der Form Nasiriye von Feqîyê Teyran). Ke?kûla kurmancî, „Sammlung kurdischer Gedichte“, ist nun der nächste Mosaikstein in dieser Reihe.

Das umfangreiche kurdische Vorwort zu diesem Buch ist dem Inhalt der Sammlung gewidmet und versucht zugleich, die Aufmerksamkeit der Leser auf den großen Reichtum an kurdischen Handschriften zu lenken, dem in der Vergangenheit nicht genü-gend Beachtung geschenkt wurde.

Der Sammelband ist nicht zuletzt ein Notruf an die kurdischen Intellektuellen, sich ihres reichen kulturellen Erbes zu besinnen und vermehrte Anstrengungen zu unternehmen, um diesen seit vielen Generationen verwalteten Schatz vor den ihn bedrohenden Gefahren zu retten und für die Nachwelt zu erschließen.

Wien, im Sommer 2004                                                        
Werner Seibt

 


 

1.Manche Daten kurdischer Dichter bedürfen noch weiterer Forschungen.
2.Barb.H., Über die unter dem Namen Tarich el Akrad bekannte Kurdenchronik von. Scheref. Sitzungsberichte der phil.-hist. Cl. d. k.k. Akadamie zu Wein, Bd.X/2 (1853), S. 258-274, u.a.
3 Hartmann M., Zur kurdischen Literatur. Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes 12 (1898), S. 102-112.
4 Bittner M., Die beiden heiligen Bücher der Jeziden im Lichte der Textkritik. Anthropos (Wien) 6 (1911), S. 628-639 u.a.
5 Sachau E., Am Euphrat und Tigris. Leipzig, 1900.
6 Hartmann M., Der kurdische Divan des Scheich Ahmad von Gezireh ibn 'Omar, genant Mäla'i Gizri. Berlin 1904.